Ich erinnere mich, Ostern 2026 rückte immer näher. Es kam so plötzlich wie Weihnachten. Jedes Jahr dasselbe. Die Karwoche startete bereits durch. Nach einem langen Arbeitstag saß ich erschöpft im Sessel und war nur mit einem Gedanken beschäftigt: Wann sollte eigentlich, natürlich mit voller Vorfreude auf das Fest, die Osterdeko in diesem Jahr in unserer Wohnung ihren Platz finden? Vielleicht ein Tag vor Ostern? Bekanntlich rast die Zeit. Nein, irgendwie musste ich das noch heute schaffen. Mutig und entschlossen, nach Gebet um Kraft, holte ich unsere Osterdekokiste aus der Abstellkammer und gab meiner Tochter den Auftrag, mir beim Dekorieren zu helfen. Erschrocken und gleichzeitig belanglos blickte sie von ihrem Handy auf. „Mama, das ist jetzt nicht dein Ernst“, bekam ich zu hören. Aber dennoch tat sie, was ich sagte. Nach einer Stunde rief ich: „Es ist vollbracht!“ Die Deko steht. Ein zarter, österlicher Hauch erfüllte unsere Wohnung. Wir gingen schlafen. Am nächsten Tag war wieder Schule und Arbeiten angesagt.
Der Gründonnerstag kam. Seit Jahren ist es für mich Tradition, an diesem Abend zu Hause das Abendmahl zu feiern – früher zu zweit, inzwischen zu dritt. Und mit Jesus natürlich zu viert. Als wir noch allein waren, haben wir an diesem Tag immer im Garten gegrillt – einmal sogar im Regen. Während die Flammen leise knisterten, legte ich Brotstücke und Traubensaft. Auch wenn mein Mann dem Glauben an Gott sein Herz noch nicht geschenkt hat, nimmt er aus Liebe zu mir dennoch gerne daran teil. Im vergangenen Jahr griffen wir zuerst zum Brot und erst danach zum Wein – obwohl Jesus es eigentlich umgekehrt getan hatte. (Erst vergoss er das Blut, dann gab er seinen Körper hin) Wir kamen darüber ins Gespräch und schlugen schließlich noch einmal nach. Ich muss gestehen: Es war kein besonders andächtiges Abendmahl, eher ein Lustiges.
Dieses Jahr vergas ich den Traubensaft zu kaufen. Ohnehin war ich mal wieder müde und lustlos, mich überhaupt für das Abendmahl bereitzuerklären. Aber es war doch Gründonnerstag. Ich weiß, Tradition ist nicht so wichtig. Ich beschloss, es spätestens am Samstag zu machen. Morgen war Karfreitag und wir erwarteten Besuch. Und irgendwie war der Karsamstag mit Vorbereitungen auf den Ostersonntag gefüllt und es gab wieder kein Abendmahl. Am Ostermontag hatte ich es einfach vergessen. Ich dachte nicht mehr daran.
Ostern war vorbei. Es war wieder Mittwoch. Etwas erholt, da ich Urlaub hatte, trank ich ein Glas Wein, während ich die Spülmaschine einräumte. Mein Mann betrat die Küche, sah auf mein Glas Wein und meinte: „Traubensaft?“. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte das Abendmahl komplett vergessen. Auch wenn Tradition, wie gesagt, nicht so wichtig ist und Vergessen menschlich ist, besonders, wenn man Stress hat, Gott mich natürlich liebte und mir alles verzeiht, aktivierte sich ein schlechtes Gewissen in mir. Ob Gott gegenüber oder mir selbst, ich weiß es nicht. Doch Gott wäre nicht Gott, wenn er mir nicht liebevoll einen neuen Vorschlag unterbreitete. Mir kam der Gedanken, das Abendmahl in Frankreich zu machen. Wir waren im Begriff ein Wochenende dort zu verbringen. Dies würde doch ein besonderes Abendmahl sein, dachte ich mir. Zwar ganz fernab von Ostern, aber egal. Von dieser Idee beflügelt, schrieb ich sofort auf meinen digitalen Einkaufszettel folgendes auf: „Traubensaft“! Traubensaft verbinde ich übrigens mit dem Abendmahl, mit echtem Wein wäre es etwas ganz anderes.
Es war wieder Freitag. Nach über 6 Stunden Fahrt mit kleinen Pausen kamen wir in unserer kleinen, sehr netten Wochenendwohnung in Rueil-Malmaison, ein Vorort von Paris, an. Es war eine laue Sommernacht, mitten im April. Ebend noch in den hektischen Straßen unterwegs, jetzt angekommen in einer stillen Gegend mit engen Gassen und hübschen Häuschen mit Garten. Jedes Mini Haus ganz individuell anders. Müde ließen wir uns in die fremden gemütlichen Betten fallen und eh wir uns versahen war der nächste Tag angebrochen. Ein Tag in Paris lag vor uns. Doch bevor wir losfuhren, begann ich meine stille Zeit mit Gott auf der Terrasse vor unserer Souterrain-Wohnung. Kein Straßenlärm, nur Vogelgezwitscher und wieder diese laue Sommerluft mitten im April. Es war wunderschön. Ich fühlte mich unbeobachtet und frei. Irgendwann stieß meine Tochter zu mir und wir machten 1000 Selfies auf dieser Terrasse. Die Zeit verlief mal wieder viel zu schnell. Ich ging rein, um etwas zu frühstücken, öffnete den Kühlschrank und sah den Traubensaft. Ups, da war doch was. Irgendwie schon wieder vergessen. Jetzt oder nie. In Windeseile hatte ich Brotstücke und Gläser mit etwas Saft serviert. Die Bibel noch rausgeholt und den Ton angegeben. Sehr unmotiviert blickten meine beiden vom Handy auf. Wir zogen es durch. Erst Gebet, dann diesmal zuerst den Wein und dann das Brot. Perfekt. Es war einfach nur schön (für mich). Ein ganz besonderes Abendmahl. Verbunden zuvor mit der besonderen stillen Zeit, dem Aufenthalt in diesem besonderen Land und diesem besonderen Tag, den wir vor uns hatten. Das vergessene Abendmahl wurde tatsächlich zu einem besonderen Abendmahl.
Wieder mal drängt sich mir ein Gedanke auf, der sich mir schon öfters aufgedrängt hatte, wenn ich etwas „vergas“: War es eigentlich Gottes Plan? Plante er, dass ich etwas vergesse? Handelt er etwa durch unsere menschliche Schwäche? Vielleicht hat er auch nur aus einer Zitrone Limonade gemacht? Egal! Das vergessene Abendmahl wurde zu einem Highlight, Punkt.
Lass dir an meiner Gnade 🎔 genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. (2. Korinther 12,9)
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. (Jesaja 40,29)
Jesus nahm einen Becher mit Wein, sprach das Dankgebet und sagte: „Nehmt den Becher und trinkt alle daraus. Von jetzt an werde ich keinen Wein mehr trinken, bis die neue Welt Gottes ☼ gekommen ist.“
Dann nahm er Brot. Er dankte Gott dafür, teilte es und gab es ihnen mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Feiert dieses Mahl immer wieder, und denkt daran, was ich für euch getan habe, sooft ihr dieses Brot esst.“ (Lukas 22, 19-20)
April 2026